Knarren eines geknickten Astes

Wie immer im Herbst überfällt mich die Sehnsucht nach Hesse. „Im Nebel“ ist mein Lieblingsgedicht und Steppenwolf das Buch Nummer eins. Immer beim ersten Herbstnebel hol ich mir das Buch raus, verfalle in Herbstdepression, lese es und trink Glühwein dazu.

Dieses Jahr ist mein Lieblings-Pulldown-Gedicht allerdings ein anderes. Hesse hat kurz vor seinem Tod an einem Gedicht gearbeitet, es gibt drei Fassungen, und er war vermutlich noch nicht ganz damit fertig und zufrieden. Er wurde von einem Schlaganfall dahin gerafft, aber wusste schon vorher das es bergab geht. Dieses Gedicht ist ein Sinnbild für den nahen Tod. Alt sein, mürbe sein. Alle drei Fassungen zum selbst entscheiden, welches das Treffenste ist:

Knarren eines geknickten Astes

Erste Fassung

Geknickter Ast, an Splittersträngen
Noch schaukelnd, ohne Laub noch Rinde,
Ich seh ihn Jahr um Jahr so hängen,
Sein Knarren klagt bei jedem Winde.

So knarrt und klagt es in den Knochen
Von Menschen, die zu lang gelebt,
Man ist geknickt, noch nicht gebrochen,
Man knarrt, sobald ein Windhauch bebt.

Ich lausche deinem Liede lange,
Dem fasrig trocknen, alter Ast,
Verdrossen klingts und etwas bange,
Was du gleich mir zu knarren hast.

Knarren eines geknickten Astes

Zweite Fassung

Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Winde sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt, rauh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt bang
Noch einen Sommer, noch einen Winter lang.

Knarren eines geknickten Astes

Dritte Fassung

Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.

Die letzten paar Mini-Tintypes mit der Hasselblad (Nassplattentechnik auf 6×6 cm großen beschichteten Aluminium) passen zu diesen Gedichten und auch zu der Stimmung. Also: Bilder angucken, Gedichte lesen, um dann mit Glühwein und Schwermut auf das Sofa zu sinken. Gern geschehen.

Ah. Und wer danach immer noch super drauf ist, „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“ ist auch ein super Pulldown-Gedicht, offensichtlich war Rilke auch nicht immer ein Sonnenscheinchen.

Nicole Malek

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