Analoge Musik

Mein Schatz und ich basieren ein Teil unseren Beziehung auf „getrennte Bereiche“. Funktioniert wunderbar, da ich kein Team-Mensch bin. Und so kommts, das jeder von uns genau umschriebene Bereiche hat, wo der andere nicht rein spucken darf. Seltsamerweise haben wir auch die Fotografie aufgeteilt – obwohl ich nicht fotografiere. Aber auch hier hat einfach jeder den Bereich übernommen, den er am besten kann. In diesem Fall: er fotografiert, ich bearbeite die Bilder hinterher.

Da mein Starfotograf immer mehr auf Analog umsteigt, bedeutet das für mich: lernen, wie man ein Film entwickelt, dieses Scheissteil in die Entwicklerdose reinfriemelt – im Dunkeln! – und wie man hinterher schön mit Chemie rumpanschen darf. Ein Bereich, den ich gerne übernehme, da ich ja generell auf alles stehe, was Dreck macht und man eigentlich nicht zuhause machen soll 😉 (-> Kunst – Schweinerei)

Immer wieder werde ich gefragt… Warum dieser Aufwand mit alten Kameras? Mit alten Schwarzweißfilmen? Wieso überhaupt analog? Digital zu fotografieren ist doch etwas schönes, sieht sofort Ergebnisse, kann direkt bearbeiten und Ende Gelände. Analog bedeutet viel Aufwand, manuelles einstellen an der Kamera, Filme entwickeln (bei den Mittelformat sind meistens nur zehn Bilder auf den Film), und wenn bei dem entwickeln tatsächlich etwas rausgekommen ist, muss man dann doch noch scannen und sieht erst dann endlich ob die Bilder was geworden sind.

Ja, warum der Aufwand? Es ist interessant wer diese Frage stellt. Fotografen fragen nicht nach dem warum, sondern eher gleich welche Art der Kamera oder des Films. Keine Frage, das Analog für Fotografen immer (noch) einen Reiz hat. Aber wie erklärt man jemandem, der sich damit überhaupt nicht beschäftigt, wieso man diesen Aufwand betreibt für „das selbe Ergebnis“?

Man kann natürlich sagen, das Mittelformat Bilder einen ganz gewissen Charm haben, dass man den Unterschied am Ergebnis sieht. Aber wer sieht diesen Unterschied wirklich? Nur ein paar Fotografen und sonstige perfektionistische Idioten. Also, wie erklärt man es den nicht-Spinnern dieser Welt?

Ich finde man kann es ganz gut mit Musik erklären. Wieso hören sich manche Leute gerne alte Schallplatten an? Digital ist doch viel besser. Die neusten Lieder innerhalb von Sekunden kaufen und sofort verfügbar haben. Unterwegs anhören. Einzelne Lieder, auch selbst zusammengestellte Listen. Eine Schallplatte hört man von vorn bis hinten an. Und nach einer halben Stunde muss man sie schon wieder umdrehen. Sie hat Kratzer und knackt. Die neusten Lieder bekommt man oft gar nicht auf Schallplatte. Und trotzdem. Eine alte Schallplatte auflegen ist etwas ganz anderes wie ein MPEG zu hören.

Es hat mit Entschleunigung zu tun. Sich auf eine Sache zu konzentrieren, dabei bleiben. Als Ganzes anhören, wie der Künstler es sich gedacht hat. In dieser Reihenfolge. Das leise knacken zwischen den Liedern, schon allein die Hülle in die Hand nehmen, die Schallplatte vorsichtig am Rand halten. Eine Schallplatte würde ich auch nie ausleihen. Unnötig transportieren? Niemals.

Analoge Bilder haben auch dieses Rauschen, das leise knacken zwischen den Zeilen. Die Einzigartigkeit, der Moment wurde ausgewählt zum Fotografieren. Das Modell, die Umgebung, alles ist bewusst entschieden. Mit einer analogen Kamera knipst man nicht unbedacht durch die Gegend. Man ist wählerisch. Und bekommt am Ende aus einem Film zehn Bilder, davon sind im Schnitt sechs wirklich getroffen. Aus denen wählt man dann das Beste. Der ganze Aufwand für ein einziges Bild.

Auch hier ist die Entschleunigung das Besondere. Diese Einzigartigkeit. Die Vorfreude. In völliger Dunkelheit den Film einfädeln, dann entwickeln (richtige Mischung der Chemie, richtige Temperatur der Flüssigkeit), jede Minute 10 Sekunden schütteln (20 Minuten lang), wässern, fixieren… und dann endlich der große Moment: ist überhaupt irgendetwas drauf?

Ein Negativ, etwas greifbares, festgehalten für die Ewigkeit.

Natürlich höre ich gerne unterwegs Musik mit Kopfhörer von meinem Handy. Aber abends beim Rotwein, allein oder mit den Besten um mich, beim genießen. Da ist mir eine Schallplatte einfach lieber.

(Die analogen Bilder findet ihr dann auf CPs Blog http://www.cpmalek.de/ )

Februar 2, 2016

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