Ein stückweit tatsächlich frustriert

Podcasthörer kennen die Unwörter des Jahres. Meistens fängt es in kleinen Podcasts an, man hört immer wieder mal dieses eine neue Wort – bis es dann ÜBERALL und in JEDEM Satz vorkommt. Letztes Jahr war es „tatsächlich“. Dieses Jahr „Stück weit“. Ich würde das gern zusammenschreiben, als ein Wort und klein: stückweit. Aber Duden sagt ich darf nicht. Obwohl. Mir egal. Ich machs jetzt einfach so. Generell ist mir vieles Wurscht, und mit jedem Lebensjahr wird’s leider, oder vielmehr: zum Glück – tatsächlich wurschter.

An mir prallt so vieles mehr ab als früher, mein Teflongehalt wird mit jedem Jahr höher. Und mein Bullshit-Radar wird feiner. Naja, feiner würde ja ein stückweit Subtilität implizieren. Ist aber auch nicht wahr. Tatsächlich klingeln mir schon die Ohren und mein Hirn pfeift, sobald ein Minishit in die Nähe kommt. An für sich bin ich nicht so eine frustrierte Zynikerin. Doch in der richtigen Stimmung werde ich grantig und Frustration bahnt sich nicht nur ein kleines Bächlein, sondern eine Lawine ins Tal der ahnungslosen Zuschauer. Was ist es, der diesen kleinen Schalter in mir umlegen kann? Wie ich an diesem Wochenende gelernt habe: Musik. Wirklich sehr gute Liedermacher-Musik. Mit Texten, die in irgendwelchen Gehirnseen kleine, mit Ohrschmalz verschmierte Erinnerungen vorm ersaufen retten. Meist gibt es einen Grund, wieso diese Erinnerungen exakt da sind. Aber gut, wenn sie dann so am Rand stehen, sich entschmalzen und lautstark den alten Scheiss wieder rauskrähen – dann ists halt so. Ohrstöpsel gegen das Geschrei von innen gibt’s ja leider noch nicht. Ich hoffe da ja auf die Gehirnchips, die mir mit der Impfung gegen Corona dann eingepflanzt werden. Endlich G5-Empfang hinter den Augen, und Ohrstöpsel von innen. Danke, Merkel.

Was ich damit eigentlich sagen will: Liedermacher*innen haben unglaublich viel Macht über ihr Publikum. In meinem Fall hat das Konzert von Bastian Bandt ungeahnt meinen kompletten Frust über den Kunstbetrieb, Corona samt Ausstellungs-Verschiebung, die Ungerechtigkeit von Kunstpreisvergaben, und meiner eigenen Unfähigkeit generell angezündet. Das Feuer kann man weiter anschüren mit: ja dann kann man doch auch mal in der Sparkasse eine schöne Ausstellung machen. Spätestens an diesem Punkt habe ich weder Teflon, noch wurschter oder Contenance. Da pfeift mein inneres Schwein zum Kampf.

Der gute Bastian kann dafür natürlich nichts, und ist sich seiner Macht vermutlich auch nicht bewusst. Er singt nur sehr gut über eigenen Frust, das Alter, und das man mit 42 eigentlich stirbt. Nun, eigentlich. Er hats dieses Jahr aber dann doch überlebt. Zum eigenen Erstaunen. Er singt und erzählt vom toten Opa, den er geliebt hat und seine Geschichten dazu. Mein Opa Willy fehlt mir auch so. Was man seinen Kindern mitgeben will – und dann doch daran scheitert, weil es sie schlicht nicht interessiert.

Zuhause hör ich fast keine Musik, und schon gar keine Liedermacher. Das ist eher CPs Musikrichtung. Wenn, dann Live. Deshalb war ich auch nicht Textsicher. Man müsste eher sagen: ich war nicht vorbereitet und vorgewarnt auf das, was in mir aufgekocht wird. Ausgebügelt, leicht kratzig und offen lag meine Seele also dann rum, grantig und verletzt. Zorn auf diversen Kram, der am Seerand, mit Ohrschmalzresten an den Beinhaaren, am nölen war.

Das war eins der besten Konzerte, die ich in den letzten Jahren besuchen durfte.

Links: Bastian Bandts Webseite (ja, dieses rote Lippen-Schwarzweissfoto finde ich schrecklich. Er kanns bestimmt besser.)

PS: ja, auch noch, denn ich finde, mein Text ist noch zu kurz. Das Konzert hat in Wachau stattgefunden, in der Kirchenruine, die nun neu renoviert ist. Hier kannst Du dir alte Beiträge mit Fotos von C.-P. und mir ansehen:
Auf C.-P.s Blog inkl. Video
Wachau – Kirchenruine Teil 1
Wachau – Kirchenruine Teil 2

Technik: Die Rolleiflex durfte mal wieder, ich hatte einen HP5+ Film dabei, den ich auf Iso1800 gepusht habe. 12 Fotos hab ich gemacht an diesem Abend, aber ich finde, mehr braucht man nicht. Wer aber auch noch Farbfotos und ausführlich alles wissen mag, kann aufs Blog von C.-P. gucken, da gibt’s vieeel mehr Fotos. Und auch deutlich bessere. Ich war ja tatsächlich ein stückweit mit meinem Seelenschmerz beschäftigt.

PPS: und auch btw: Unser Kumpel Nicolai Köppel ist auch Liedermacher, aber er hinterlässt mit seiner Musik einen völlig anderen Seelenzustand, wenn er mit mir fertig ist.

PPS: Wir haben Bastian zum ersten mal in Heilbronn gesehen, damals, mit Sarah Lesch. Inzwischen ist sie Solo unterwegs, bekannt und mit eigenem Wikipedia-Eintrag und blauem Haken in Instagram. Ihr Profil habe ich gerade seit Ewigkeiten mal wieder besucht. Ich möchte sie einfach nur in den Arm nehmen und mit Vanilleeis füttern.

Nicole Malek

August 9, 2020
August 12, 2020

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