Hiorns in Prag

Das Jahr 1975 scheint ja ein paar seltsame Typen hervor gebracht zu haben. Mal von mir abgesehen, wurde da auch Roger Hiorns geboren. Heute waren wir auf seiner Ausstellung in Prag im Rudolfinum. Auf die Ausstellung gekommen bin ich eigentlich nur, weil ich etwas zeitgenössische sehen wollte, kein alten Kram vom Mittelalter. Das sehe ich zwar manchmal auch ganz gerne, aber heute war’s mehr nach gesellschaftskritischer Scheiß-drauf-Kunst. Was ich nicht wusste, ist, dass der zur Ausstellung gehörende, sehr junge, sehr nackte Mann erst ab 14:00 Uhr da ist. Nachmittags gehört er zur Ausstellung, und sitzt auf den Objekten und macht sich nebendran ein Feuer. Das musste ich mir also leider nur vorstellen. Wer also noch die Gelegenheit hat hin zu gehen, bitte erst nachmittags. Er sitzt dann übrigens auf dem Motor eines Kampffliegers, der mit Antidepressivum gefüllt ist. Der Motor ist mit Antidepressivum gefüllt, nicht der junge Mann. Pulverisiert. 

Die Objekte an sich sind vielleicht nicht ganz leicht zu verstehen, wenn man sich aber öffnet, erkennt man sehr viel Tiefe und auch den den Kontrast zwischen unseren Göttern und wie schnell sie in den Müll wandern. Götter in diesem Fall kann Technik sein, aber auch im wortwörtlichen Sinne. Ein Altar hat er pulverisiert und im Raum verteilt. Brauchen wir noch eine Kirche? Den Raum Kirche an sich? Kann man nicht glauben ohne ein Gotteshaus? Und bei der Technik ist es doch genauso. An einem Tag haben wir das neue iPhone in der Hand, sind von heute auf morgen abhängig und begeistert, zwei Jahre später wandert es ins Recycling.

Spannend war auch, dass es einen Tisch mit Fotografien gab, die man selber durchwühlen durfte, die seinen Prozess bei den Entstehung der Kunst zeigt. Er hat verschiedene Sachen fotografiert, einmal die Tätigkeit an sich, aber auch die Ideenfindung. Sehr inspirierend. Und auch sehr gay. Londoner Künstler halt. Außerdem weiß man danach, das seine „Brain“ Werke tatsächlich Hirn enthalten.

Meine Lieblingsinstallation war mit Abstand seine 200 Mutanten, Modelle aus Plastikteilen von Autos, geformt wie Roboter. Jedes hat in unterschiedlichen Zeitabständen Schaum gespuckt. Absolut umwerfend. Auch jemand, der mit Kunst nichts anfangen kann, wird in diesem Raum hin und her laufen und sich wie ein Kind freuen wenn irgendwo wieder eine Matschpfütze entsteht. Denn auch das will Kunst: Emotionen erwecken, egal wie.

Der Kontrast zwischen den alten Gemäuern und den neuen und seltsamen Installationen war verstörend und kompromisslos vollendet.

Mal davon abgesehen, dass ich mir niemals so eine Installation ins Wohnzimmer stellen würde, war der Ausstellungsbesuch ein voller Erfolg, hab viel für mich mitgenommen und kann jeden auch empfehlen hinzugehen. Wasserfeste Schuhe nicht vergessen.

   
    
   

Nicole Malek

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