Sibylle Berg schreibt über die Liebe

Wenn ich im Bett lese, kann ich erst aufhören und schlafen, wenn beim Satz am Ende der Klang ganz deutlich nach unten geht und eine leichte Traurigkeit hinterlässt. Oder wenn der Satz mich dazu bringt, kurz zu kichern. Beides ist ein leichtes Innehalten zwischen zwei Sätzen, und in diesem Moment muss ich das Buch auch sofort zuklappen. Verpasse ich diesen Moment, lese ich weiter bis nachts um vier, bis mir die Augen zufallen, und ich mich nicht mehr an die letzten drei Seiten erinnern kann.

Mein Mann und ich sind fast neunzehn Jahre verheiratet, und in diesem Stadium ein Buch von Sibylle Berg zu lesen über eine zwanzigjährige Beziehung im Selbstfindungsstadium, ist vielleicht nicht verwegen und inspirierend, sondern ganz sicher dämlich.

Mit spitzen Fingern zeigt sie auf sämtliche Wunden, schnüffelt nach Kotspritzern im gemeinsamen Klo, zieht lange Haare aus Abflüssen und schwadoniert über hängendes, alterndes Fleisch. Ihr seid Zimmerpflanzen. Asexuelle, saufende, depressive Platzhalter, lechzend nach Sonne und ein paar netten Worten. Am Ende bleibt nur der Kompost. Sterblichkeit. Sterben. Eins ihrer Lieblingsthemen.

Ein Buch von Sibylle Berg lässt am Ende nur zwei Möglichkeiten zu: Freitod oder Akzeptanz der Hämorrhoidensalbe auf dem Nachttisch.

„Alle Frauen, die sich einen Mann halten, weil sie meinen, sie könnten nicht ohne ihn sein, unterschreiben einen Kontrakt, der sagt: ab jetzt bist du seine Mutter.“

„Der einzige Grund, warum Frauen nicht schon längst die Welt beherrschen, ist ihre Faulheit.“

Sie ist sehr gerecht im Verteilen: Jeder bekommt genug Schläge ab. Mann oder Frau, alt oder jung, alle sind Zielscheibe ihres Gifts.

Diese Autorin hat mich irgendwie schon immer begleitet. War es 1995? 1996? Angefangen hat es mit Kolumnen in einer Frauenzeitung. Dann der erste Roman. Ich war Fan der ersten Stunde, aber nach dem dritten Roman von ihr musste ich abbrechen. Triggernd. Lange haben wir uns aus den Augen verloren, aber diesen Roman von ihr habe ich direkt verschlungen. Sehr treffend geschrieben. Was ihr Gift ausmacht, ist an sich nur die Ehrlichkeit. Beobachtungsgabe.

In den Lesepausen, wenn man kurz aufsteht, um das Glas Rotwein noch mal nachzufüllen, wird einem bewusst, was für einen Haufen Mist man in seinem Leben anhäuft. Dieses Leben, arbeiten um die Wartezeit zu verkürzen, dann das Ableben, die Erben, die alles in einen großen Container werfen, was dir Wertvoll und Wichtig war. Wupp.

Super.

Vielen Dank Frau Berg.

Von Frühlingsgefühle auf Minus-Zwanzig-Grad-Sibirien und polarbärarschfickende Traurigkeit in 200 Seiten.

Ihr Blick auf die Unerträglichkeit des Seins und den Zeitvertreib beim Warten auf den Tod ist sehr direkt, ehrlich und leider gar nichts für schwache Nerven. Und dabei leider sehr geil.

„Der Tag, als meine Frau einen Mann fand.“ von Sibylle Berg

Fotos mit der Rolleicord von Maike, HP5+ Iso400@3200 Ilfotec DD-x 1+4

admin

Januar 23, 2018
Januar 29, 2018

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2 Comments

  1. Antworten

    Solvig Frey

    März 3, 2018

    Ich finde diese Beschreibung überaus treffend und kann jedes Wort unterschreiben.
    Sybille Bergs Buch klingt lange nach und möchte immer wieder und neu gelesen werden.
    Danke für diese Kurzfassung eines nicht zu fassenden Phänomens!

    • Antworten

      Nicole Malek

      März 5, 2018

      Danke – freu mich das du auf meiner Seite warst :))

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